Liebe Gemeinde,

es ist anders in diesem Jahr. Es gibt wieder Gottesdienste an Weihnachten ohne Beschränkungen nach zwei Jahren, in denen wir nur mit Masken und mit Abstand in die Kirche gehen durften und die Empfehlung war, doch lieber zu Hause zu bleiben, die Gottesdienste im Livestream oder am Fernsehgerät zu verfolgen – und auch diese Gottesdienste wurden aus fast leeren Kirchen gesendet. Jetzt sind die Beschränkungen verschwunden. Aber es ist nicht wie zuvor.

Es ist noch einmal anders in diesem Jahr und wir ahnen, dass es nicht wieder so sein wird wie vor drei Jahren, vor vier Jahren, vor fünf Jahren, vor 50 Jahren. Wir versuchen, Weihnachten wieder so schön wie möglich zu machen, aber die Weihnachtsbeleuchtung ist kleiner als früher. Wir besorgen Geschenke, aber es fühlt sich anders an als zuvor: Der Überfluss ist nicht mehr das Thema, seit wir Energie sparen, weil sie knapp ist und teuer. Junge Leute blockieren Straßen und kleben sich fest, weil sie nicht wollen, dass alles weitergeht wie immer. Aber so geht es auch nicht.

Die Nachrichten handeln von Krisen und Krieg, und die Krisen und der Krieg sind nicht am andern Ende der Welt, sondern nah. Es sind keine guten Nachrichten.

Evangelium heißt aber Gute Nachricht. Der Evangelist Markus hat das Wort erfunden und nimmt diese Wortschöpfung als Überschrift über seine Erzählung vom Wirken Jesu. Das Lukasevangelium erzählt die Weihnachtsgeschichte, wie wir sie vorhin gehört haben als Gute Nachricht von der Geburt Jesu, Gute Nachricht für alle Welt und alle Zeiten.

Seit der Zeit, als Lukas sein Evangelium aufgeschrieben hat, wird die Weihnachtsgeschichte weiter überliefert, in Gottesdiensten gelesen, den Kindern erzählt, als Krippenspiel gespielt, von großen Künstlern gemalt, als Ikone geschrieben, als Weihnachtsoratorium gesungen, Weihnachtskrippen werden gebastelt, geschnitzt, aufgestellt, und wo es verboten wurde, weil Religion unerwünscht war oder einem anderen Glauben im Weg stand, sehnten sich die Menschen das Weihnachtsfest zurück. In der Ukraine gibt es ein Weihnachten im Krieg –, und wo die Menschen nichts haben, feiern sie Weihnachten mit nichts, aber sie vergessen es nicht. Es ist in den Herzen, in den Liedern, in den Erinnerungen, in den Sehnsüchten.

Ja, vielleicht ist es der wichtigste Teil des Gottesdienstes, dass die Weihnachtsgeschichte öffentlich gelesen wird, dass diese Geschichte als Kern des Weihnachtsfestes ihren Platz behält, die Geschichte von der Geburt Jesu in einem Stall, die Geschichte von Maria und Joseph und der Krippe, die Geschichte von den Hirten und den Engeln und den himmlischen Heerscharen, die Weihnachtsgeschichte zusammengefasst in: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen oder bei den Menschen seines Wohlgefallens, von den Engeln gesungen.

Freilich – die Kulisse der Weihnachtsgeschichte ist die Welt der Menschen mit all ihren Widersprüchen. Es kommen in der Version des Evangelisten Matthäus Kinder mordende Soldaten vor. Die heilige Familie flieht vor ihnen nach Ägypten. Also war Jesus in seiner Kindheit vorübergehend ein Flüchtlingskind wie die ukrainischen Kinder, die jetzt mit ihren Müttern versuchen müssen zurechtzukommen. In der Weihnachtsgeschichte des Lukas spiegelt sich die Armut von Menschen: Kein Raum in der Herberge. Den Hirten muss zuerst gesagt werden: Fürchtet Euch nicht!, weil die Furcht der Begleiter der Menschen ist.

Aber dann: Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Euch ist heute der Heiland geboren.

Was ist die Weihnachtsgeschichte für uns? Was ist sie für unsere Zeit, unsere Welt? Immer noch Evangelium? Oder ein Märchen aus uralten Zeiten, das uns nicht aus dem Sinn gehen will? Oder beides zugleich wie die zwei Seiten einer Münze? Kopf oder Zahl? Was liegt im Zweifelsfall oben? Welchen Wert hat sie?

Einen Wert hat die Weihnachtsgeschichte, wenn sie mit unserer Geschichte verknüpft ist. Einen Wert hat die Geschichte von Maria und Joseph und der Geburt des Jesuskindes, wenn sie mit unserer Geschichte, unseren Eltern und Kindern und Enkeln, unseren Orten und Erfahrungen verknüpft ist. Einen Wert hat die Geschichte von den Hirten und den Engeln, ihrer Furcht und ihrer Freude, wenn auch das mit unserer Geschichte verknüpft ist.

Ein Letztes: Wenn die Weihnachtsgeschichte für uns einen Wert hat, dann kann sie uns auch in Trost sein, wenn wir des Trostes bedürfen. Ein Gebet ist besser als kein Gebet, wenn wir Trost bedürfen und Menschen, die aufbrechen, wenn sie ein Evangelium hören, sind besser als Menschen, denen alles gleichgültig ist. Menschen, die ihre Herzen öffnen, sind besser als Menschen, die sich verhärten und ihre Herzen verschließen.

Es ist anders in diesem Jahr, liebe Gemeinde. Aber es ist Weihnachten. Amen.