Pfingsten 2020 – DitzingenDitzingen, Konstanzer Kirche

Gottesdienste um 10 Uhr und 11 Uhr auf dem Kirchplatz bei der Konstanzer Kirche,  Verabschiedung in den Ruhestand

Unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie durften Gottesdienste nur mit einer reduzierten Zahl von Besucherinnen und Besuchern durchgeführt werden. Mindestens 1,50m Abstand musste zwischen Personen eingehalten werden, die nicht aus einem gemeinsamen Haushalt gekommen sind. Um mehr Leuten Gelegenheit zu geben, am Gottesdienst teilzunehmen, wurde er unter freiem Himmel gefeiert, um 10 Uhr und um 11 Uhr. Die Verabschiedung und Entpflichtung durch Dekan Zeyher erfolgte im 11 Uhr-Gottesdienst.

Predigttext: Apg. 2,1-18

1Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

5Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.7Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Die Pfingstpredigt des Petrus

14Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17»Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

Predigt

Liebe Gemeinde,

da wäre ich gerne dabei gewesen, damals in Jerusalem, beim Pfingstwunder. Ich stelle mir vor, dass es sehr lebendig zuging, dass sich kleine Grüppchen unterhalten haben: da ein Apostel und ein paar Leute um ihn herum, dort zwei von ihnen. Ich stelle mir vor, dass diskutiert, aber auch gelacht wurde. Irgendwo muss es ja seinen Grund gehabt haben, dass die Vorwürfe kamen, da seien manche am frühen Morgen betrunken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle still dagesessen wären, feierlich gekleidet.  Eher mag ich die Vorstellung, dass es bunt war, auf alle Fälle lebendig.

Ich war damals nicht dabei.  Aber ich durfte bei vielem anderen dabei sein und den Heiligen Geist spüren. Ohne Geist ist’s geistlos und es bewegt sich nur, was der Schwerkraft folgt und ohne besonderen Antrieb läuft.

Ja, eigentlich wäre ich doch schon damals vielleicht gerne dabei gewesen, zwischen den Parthern und Medern und Elamitern und denen, die da wohnen in Mesopotamien. Bestimmt waren Leute darunter aus dem heutigen Libanon und aus Iran, aus Syrien und dem Irak, Kurden und Türken und Armenier. Das Internationale überhaupt und diese ganz besondere Region der großen weiten Welt, der nahe und mittlere Osten,  hätten mich sehr interessiert. Und dann das:  Sich mit all denen auf Anhieb verstehen! Ich kann es mir vorstellen, ausmalen.

So ein Erlebnis muss man dann erzählen, das kann man nicht für sich behalten. Und bestimmt hat es von dieser Pfingstgeschichte so viele Erzählungen gegeben wie Menschen dabei waren: Diese eine Geschichte,  und jeder hat sie auf seine eigene Weise erlebt, hat seine eigene Geschichte damit gehabt und weitergegeben. Und es ist etwas entstanden aus dieser Geschichte, in Jerusalem und von Jerusalem aus noch anderswo. Damals nicht per WhatsApp oder per E-Mail, nicht mit Videokonferenzen und Online-Messenger. Aber es gab andere Wege, auf denen sich das verbreitet hat, was die, die dabei waren, am Pfingsttag erlebt haben.

Es war auch nicht nur gute Unterhaltung, nicht nur: „Schön, dass Ihr alle da seid!“ und  „Und dann Tschüss!“ Petrus macht keine Talkshow und nicht „Verstehen sie Spaß!“ oder „Wer wird Millionär?“, sondern er spricht davon, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat und erzählt auch das nicht wie ein Märchen oder einen Beitrag aus Expertensicht, sondern auf eine Weise, dass es heißt: „Da ging’s ihnen durchs Herz und sie sprachen: Was sollen wir tun?“ Die Antwort hieß in diesem Fall nicht „Abstand halten!“ Sondern „tut Buße und lasst Euch taufen…!“ So erzählt es zumindest Lukas, so erzählt es die Apostelgeschichte und erzählt es als den Anfang von etwas, was weitergeht, von einer Geschichte, die hier beginnt, fast unerklärlich. „Das muss der Heilige Geist gewesen sein“, erklären sie sich, was da vor sich ging an diesem Tag, unfassbar war es, aber unglaublich wirksam.

Später war es dann nicht mehr „ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm“. Aber was damals begonnen hat, ist bis heute nicht im Sand verlaufen. Und schön, wenn wir daran teilhaben dürfen, Anteil nehmen und Anteil geben, jede und jeder an seinem, an ihrem Platz mit offenen Augen, offenen Ohren, offenen Herzen und offenen Händen.

Ich meinerseits bin dankbar dafür, dass ich Anteil haben durfte und Anteil geben durfte, bin dankbar auch für all die Stationen meines Pfarrerlebens, die jetzt in den Ruhestand übergegehen, zuletzt für die Zeit in Ditzingen und im Kirchenbezirk. Ich bin dankbar für all die Begegnungen mit Menschen in der Gemeinde, mit Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, für das, was ich tun konnte und für das, was ich erfahren durfte. Ich könnte das alles erklären und erläutern, nüchtern dokumentieren, und könnte es genauso als ein Wunder beschreiben, als wunderbar, als ein großes Geschenk im Ganzen. Es ist auch mit dem heutigen Pfingsten und meiner Verabschiedung nicht zu Ende für mich, sondern geht in einen neuen Lebensabschnitt. In den Ruhestand muss man sich ja überhaupt nicht verabschieden, denn aus der Ruhe heraus kann vieles entstehen! Mein Wunsch und meine Hoffnung und mein Gebet wären auf alle Fälle, dass immer wieder ein Pfingsten sich ereignet und zum Fest wird – mitten im Weltgeschehen, mitten in allem Unheil ein Stück Heil, mitten in aller Betrübnis eine Hoffnung, ein Lichtblick, ein Jetzt-Erst-Recht, ein Stück vom Himmel.

Aber freilich, ich weiß: die Welt retten können wir nicht. Das muss ein anderer tun, vielleicht kann er uns dabei gebrauchen. Dass alles gut wird, liegt nicht in unserer Hand. Das muss ein anderer machen, aber vielleicht kann auch durch uns wenigstens etwas gut werden. Das ganze Unheil abwenden? – Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, aber wir tragen die Masken und halten Abstand und helfen mit, dass es mit Corona nicht schlimmer wird. Und überhaupt: die Hände in den Schoß legen – das ist nicht unser Ding und nicht das Werk des Heiligen Geistes. Die Hände falten schon eher, die Hände rühren, die Hände reichen erst recht. Amen.

Fotos: privat